Wann wird berech­tig­tes Nach­fra­gen als Miss­trau­en wahr­ge­nom­men?

Kürz­lich durf­te ich einen vier­stün­di­gen Work­shop mit Auf­sichts­rä­tin­nen und Auf­sichts­rä­ten sowie den Geschäfts­füh­run­gen meh­re­rer Toch­ter­ge­sell­schaf­ten eines Kon­zerns gestal­ten. Ins­ge­samt 16 Teil­neh­men­de dis­ku­tier­ten enga­giert mit­ein­an­der, brach­ten Erfah­run­gen aus ihrer Pra­xis ein und sorg­ten für einen leben­di­gen Aus­tausch.

Beson­ders beein­druckt hat mich die Offen­heit, mit der unter­schied­li­che Sicht­wei­sen ein­ge­bracht und dis­ku­tiert wur­den. Denn eines wur­de schnell deut­lich: Selbst dann, wenn alle Betei­lig­ten ihre Auf­ga­ben ken­nen, die gesetz­li­chen Vor­ga­ben beach­ten und ihre Rol­len ver­ant­wor­tungs­voll wahr­neh­men, ent­ste­hen unter­schied­li­che Ein­schät­zun­gen zu kon­kre­ten Situa­tio­nen.

Genau dort beginnt aus mei­ner Sicht die wirk­lich span­nen­de Arbeit.

In der Theo­rie las­sen sich Ver­ant­wort­lich­kei­ten, Zustän­dig­kei­ten und Abläu­fe oft gut beschrei­ben. Schwie­ri­ger wird es bei Fra­gen, auf die es kei­ne ein­deu­ti­gen Ant­wor­ten gibt:

  • Was genau bedeu­tet eigent­lich „ver­trau­ens­vol­le Zusam­men­ar­beit“ zwi­schen Auf­sichts­rat und Geschäfts­füh­rung?
  • Wodurch ent­steht Ver­trau­en und wodurch wird es beschä­digt?
  • Wie geht man mit Situa­tio­nen um, für die es kei­ne kla­re Rege­lung gibt?
  • Wie viel Infor­ma­ti­on braucht ein Auf­sichts­rat, um sei­ner Ver­ant­wor­tung gerecht zu wer­den?
  • Und wann wird berech­tig­tes Nach­fra­gen mög­li­cher­wei­se als Miss­trau­en wahr­ge­nom­men?

Gera­de die­se Fra­gen führ­ten zu den inten­sivs­ten und wert­volls­ten Dis­kus­sio­nen.

Nach einem gemein­sa­men Theo­rie­block haben wir anhand fik­ti­ver Fall­bei­spie­le unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven beleuch­tet. Dabei wur­de deut­lich, dass die­sel­be Situa­ti­on je nach Rol­le sehr unter­schied­lich bewer­tet wer­den kann. Was für die Geschäfts­füh­rung als prag­ma­ti­sche Lösung erscheint, kann aus Sicht eines Auf­sichts­rats Risi­ken ber­gen. Umge­kehrt wer­den Ent­schei­dun­gen von Auf­sichts­gre­mi­en nicht immer in ihrer gesam­ten Inten­ti­on wahr­ge­nom­men.

Die gemein­sa­me Teil­nah­me von Auf­sichts­rä­ten und Geschäfts­füh­run­gen hat den Work­shop des­halb enorm berei­chert. Sie ermög­lich­te einen offe­nen Dia­log über Erwar­tun­gen, Rol­len­ver­ständ­nis und Zusam­men­ar­beit. Nicht mit dem Ziel, immer einer Mei­nung zu sein, son­dern um die jewei­li­ge Per­spek­ti­ve bes­ser zu ver­ste­hen.

Genau dar­in liegt für mich eine wesent­li­che Erkennt­nis: Gute Gre­mi­en­ar­beit ent­steht nicht allein durch die Ein­hal­tung von Regeln. Sie ent­steht dort, wo Men­schen mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men, unter­schied­li­che Sicht­wei­sen respek­tie­ren und auch in kom­ple­xen Situa­tio­nen trag­fä­hi­ge Lösun­gen ent­wi­ckeln.

Die aus­ge­spro­chen posi­ti­ve Atmo­sphä­re und die hohe Betei­li­gung aller Anwe­sen­den haben mich ein­mal mehr dar­in bestärkt, die­ses The­ma wei­ter­zu­ver­fol­gen. Denn die Qua­li­tät der Zusam­men­ar­beit zwi­schen Auf­sichts­rat und Geschäfts­füh­rung ent­schei­det nicht nur über gute Sit­zun­gen, son­dern häu­fig auch über die Zukunfts­fä­hig­keit einer Orga­ni­sa­ti­on.

Ich freue mich auf die nächs­ten Semi­na­re und die vie­len span­nen­den Dis­kus­sio­nen, die dar­aus ent­ste­hen wer­den. Die Anfra­ge für Inhouse-Semi­na­re fin­den sie hier. Für Ein­zel­per­so­nen bie­ten wir auch ein indi­vi­du­el­les Auf­sichts­rä­te-Coa­ching an. Hier kön­nen Sie das Vor­ge­spräch dazu buchen.